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Österreichische Kaffeehaustraditionen

Dienstag, 2. Mai 2006

Es gibt zahlreiche Legenden über österreichische Kaffeehäuser: Johann Strauss, beispielsweise, wäre ohne Kaffeehaus nie Walzerkönig geworden. Erzählt werden aber auch Geschichten, die schlicht falsch sind: Die vielen hohen Fenster im Café gibt es nicht deshalb, damit man den Menschen auf der Straße beim Stadtbummel zuschauen kann. Und wie ist das mit dem Glas Wasser zum Kaffee?

Österreichische Kaffeehaustraditionen und ihre härtesten Klischeeskaffeehaus_wien_central.JPG

Kaffeehäuser gibt es in Österreich seit Ende des 17. Jahrhunderts. Seitdem sind sie gesellschaftlicher Treffpunkt in Wien, Salzburg, Graz und auch kleineren Städten. Wer die Kaffeehäuser in den vergangenen Jahrhunderten besucht hat? Nach Worten von Alfred Polgar, Besitzer des “Café Central” in Wien um 1900, “Leute, die allein sein wollen, dazu aber unbedingt Gesellschaft brauchen”. Dazu zählten Schriftsteller wie Arthur Schnitzler, Franz Kafka, Thomas Bernhardt, Komponisten und Journalisten. Für sie waren Kaffeehäuser Lesehalle, Nachrichtenbörse, Club und Wohnzimmer. Anwälte nutzten sie auch als Arbeitsstätte. Sie luden oft Klienten zu Besprechungen in eine ruhige Ecke, woraus der Begriff des “Winkeladvokaten” entstand. Die Einrichtungen der Cafés wurden von verschiedenen Stilelementen geprägt: Spiegelverkleidungen, prächtige Wanduhren, einen Billardtisch und viel Porzellan gab es dort. Große Rundbögen schmückten die hohen Decken, verzierte Leuchter - zunächst mit Kerzen, später mit Lampen - hingen tief in den Raum hinein, Korbsessel standen an echten oder falschen Marmortischen.

Eckhaus als Caféherberge - “Einblick” für die Obrigkeit

Cafés wurden in Österreich meistens in Eckhäusern eröffnet und mit möglichst vielen und hohen Fenstern ausgestattet. Damit die Besucher besonders gut das Treiben auf der Straße beobachten konnten, so steht es in zahlreichen Büchern. Aber was war der wahre Grund? Viel Glas und eine ebenerdige Lage waren Bedingung: Die Obrigkeit sollte von außen Einsicht auf das Geschehen drinnen haben. Denn das Kaffeehaus war in Zeiten der Monarchie auch Ort von Gedanken und Gesprächen um Demokratie und Anarchie. Der Kaiser und die Fürsten schickten ihre Polizisten aus, um informiert zu sein.

Zahlreiche Kaffeevariationen - vom Fiaker zur Kaisermelangekaffeehaus_wien_sperl.JPG

Neben demokratischem Flair machten auch andere Dinge die Anziehungskraft von Österreichs Kaffeehäusern aus: die bis zu 200 vorhandenen Zeitungen aus allen Ländern, die Kaffeehausmusik und der Zigarrenduft, der das Gefühl ermöglichte, nicht zu Hause aber dennoch nicht an der frischen Luft zu sein. Vor allem aber kamen die Menschen aus einem Grund in die Kaffeehäuser: Hier gab es Kaffee in zahlreichen Variationen. Rund 50 kann allein Wien aufweisen. Berühmt ist Österreich für die “Melange”. Der Klassiker besteht aus halb Kaffee, halb Milch, wird mit Zucker gesüßt und im Stielglas oder einer weiten Teeschale serviert. Die “Wiener Melange” bekommt eine Haube aus schaumig geschlagener Milch. Bei der “Kaisermelange” dagegen wird schwarzer Kaffee mit einem Eigelb, Honig, Schlagsahne und einem Schuss Rum verfeinert. Wer ausschließlich schwarzen Kaffee trinken will, bestellt einen “Fiaker”. Beim “Einspänner” wird schwarzer Kaffee im Kelchglas mit geschlagener Sahne - österreichisch: Schlagobers - aufgefüllt.

Kaffee und das Glas Wasserkaffeehaus_wien.jpg

Zu Beginn des Kaffeehauslebens bekam der Gast zum Kaffee automatisch ein Glas Wasser serviert. Der Grund: Bei den damaligen Verarbeitungen der Bohnen entstand durch Rösten und Überbrühen mit kochend heißem Wasser Gerbsäure. Sie greift die Schleimhäute an. Deshalb konnte der Kaffeetrinker mit einem Schluck Wasser die Schleimhäute benetzen und sie so schonen. Heute ist die Stärke der Gerbsäure durch moderne Zubereitungs-Verfahren unbedeutend geworden. Das Glas Wasser kommt nur noch auf Bestellung, da ein automatisch serviertes Wasser auf die geringe Qualität des Kaffees hinweisen würde. Trotzdem schätzen einige Besucher die Extra-Portion Flüssigkeit. Veraltete medizinische Erkenntnisse sagen nämlich, Kaffee sei harntreibend und bringe den Wasserhaushalt aus dem Gleichgewicht – eine These, die inzwischen allerdings längst widerlegt wurde!

Quelle: Kaffee-oder-Tee-Ecke des SWR. Vielen Dank für die tollen und umfangreichen Infos!

 

Die bergische Kaffeetafel

Donnerstag, 27. April 2006

“Koffedrenken met allem Dröm on Dran”

Das bergische Land war in früheren Zeiten geprägt von karger Schlichtheit: die Böden waren mager, Köhlerei und Hammerwerke beherrschten die Wälder. Während der industriellen Revolution entwickelte sich Industrie, vor allem Maschinenbau aber auch Textilindustrie: Litzen und Spitzen aus dem Bergischen Land waren ein begehrter Exportartikel. Häufig wurde in Heimarbeit gewirkt - die Not und Armut der Arbeiter war groß. Nicht zufällig stammt Friedrich Engels aus Wuppertal, spielt dort auch der Weberaufstand. Vor diesem Hintergrund wirkt die Bergische Kaffeetafel geradezu überwältigend üppig.

Droeppelmina.jpgAls Königin der Kaffeetafel steht die “Dröppelmina” im Mittelpunkt: Eine bauchige, birnenförmige Kanne aus Zinn, die ihren Namen einem dienstbaren Geist zu verdanken hat (”Mina” = Kurzform von Wilhelmine) und der Tatsache, dass es in der Zeit des Aufkommens um 1700 noch keine Filtertüten gibt und so der Ausguss der Kanne vom Kaffeesatz verstopft wird und der Kaffee so nur noch in die Tasse “dröppeln” kann.

Die Zinngießerei war ein eigenständiges Handwerk, die Zinngeräte das “Tafelsilber” der bergischen Hausfrau. 1981 schloß der letzte Zinngießer in Wuppertal seine Werkstatt.

Kein Wunder, dass die Dröppelmina das Prunkstück der Tafel war: Kaffee als Kolonialware kam aus den Niederlanden und war eine Kostbarkeit. Von der sparsamen bergischen Hausfrau wurde er oft mit Zicchorienkaffee (Muckefuck) gestreckt. Ein zweites Produkt kam ebenfalls aus Holland: der Milchreis, eine exotische Zutat. Die Korinthen im Stuten (ein süßes Hefebrot) waren ebenfalls Kolonialwaren. Denn das bergische Land hatte sehr viel Kontakte zum Niederrhein und wurde kulinarisch dadurch beeinflusst.

Die “Gangfolge” - die drei Stufen der Kaffeeschwelgerei

Grundsätzlich werden bei einer traditionellen bergischen Kaffeetafel drei Gänge aufgetischt:

Der erste Gang ist eine dick mit Butter belegte und ebenso dick mit Honig oder Rübenkraut bestrichene Scheibe Korinthenstuten oder Weißbrot, die zu guter letzt mit einer fingerdicken Scheibe steifem Reisbrei belegt und mit Zucker und Zimt bestreut wird.

Der zweite Gang besteht aus frisch gebackenen noch heißen Waffeln. Eine eher moderne Entwicklung ist die Kombination mit heißen Schattenmorellen - damals wurde eher Apfelmus dazu serviert.

Im dritten Gang gibt es bergisches Schwarzbrot mit Butter und “Klatschkäs” (Quark), evtl. zusätzlich Rübenkraut. Abgerundet wird diese deftige Mahlzeit in gemütlicher Runde von einem gezuckerten “Kloaren” oder einem “Opgesadden” (Aufgesetztem). Das ist Schnaps mit Zucker und Beeren gereift und abgesiebt, also eine Art Beerenlikör.

Je nach Wohlstand und Jahreszeit gibt es verschiedene Variationen der Tafel. Es wird berichtet, dass auch Rodonkuchen (eine Art Sandkuchen), Zwieback, Hausmacher-Wurst und Schinken, Schnittkäse und Konfitüre auf einigen Tafeln zu finden waren. Diese Zutaten werden allerdings gemeinhin als “traditionswidrig” empfunden. Hauptsächlich um die Faschingszeit gibt es auch “Ballebäuschen” (walnussgroße Hefeteig-Bällchen) und “Muzen” (pfirsichgroße Ballen aus Backpulverteig), die alle im heißen Fett ausgebacken werden.

Quelle: Kaffee-oder-Tee-Ecke des SWR. Vielen Dank für die tollen und umfangreichen Infos!

 

War Kaffee der Auslöser der französischen Revolution?

Dienstag, 28. März 2006

Historischer Hintergrund

Kaffee ist nach Erdöl das zweitwichtigste Handelsgut der Welt. Doch der beliebte geistige Schmierstoff hat ein dunkles Geheimnis. Die Türken erkannten es als erste: 1683 belagerte der Großwesir Kara Mustafa mit 75.000 Soldaten Wien. Die Stadtbewohner wollten bereits aufgeben, da rückte endlich das Entsatzheer an und schlug die Osmanen in die Flucht. Ein Sprachkundiger namens Georg Franz Kolschitzky, Dolmetscher der orientalischen Handelskompanie in Belgrad, der sich durch die feindlichen Linien durch zu Polens König geschlagen und das Entsatzheer angefordert hatte, hatte als Retter Wiens erste Wahl bei der Beute. Er verschmähte Gold, Waffen und andere Utensilien. Lediglich Säcke mit braunen Bohnen, mit denen niemand etwas anzufangen wusste, beanspruchte er für sich. Kolschitzky kannte diese Kaffeebohnen von seinen Reisen in die Türkei. Zusätzlich bekam er auf Grund seiner Leistungen 1686 zusammen mit zwei anderen Kriegsteilnehmern das Privileg des Kaffeeausschanks in Wien verliehen. Jahre später eröffnete er eines der ersten Wiener Kaffeehäuser.

Was in Wien erfolgreich begann, wurde in Konstantinopel verboten: Bald nach dem Rückzug Kara Mustafas ließen die Machthaber alle Kaffeehäuser in der türkischen Hauptstadt schließen, denn sie befürchteten, dass die Bürger – unzufrieden über den Ausgang des Feldzugs – einen Aufstand anzetteln könnten. Ohne es wissenschaftlich oder empirisch belegen zu können, erahnten die Türken bereits das Wesen des schwarzen Elixiers:

Kaffee ist ein Aufwiegler, eine Droge der Revolution!

Auf den ersten Blick ist es kaum zu glauben, doch die Geschichte beweist: wo der schwarze Aufmunterer erschien, war eine Revolution nicht weit. Kaffee wurde auffällig oft vor politischen oder ökonomischen Veränderungen für die Masse erschwinglich. So ist die erste funktionierende demokratische Verfassung ein Meisterstück des Kaffees.

 

Kaffee ist die Muttermilch der US-Declaration of Independence

Dienstag, 28. März 2006

Um 1720 begann man fast überall zwischen dem Wendekreis von Krebs und Steinbock Kaffee anzupflanzen. Für die Amerikaner war es billiger, den Kaffee aus dem benachbarten Süden zu kaufen, als den hochbesteuerten Tee der Briten. Und noch wichtiger: Der Kaffee begann den Amerikanern zu schmecken, denn sie fügten Zucker hinzu. Im Vergleich zu Bier und Cidre wirkte der süße, schwarze Trank wie eine Energiespritze. Zur gleichen Zeit arbeiteten George Washington und seine Mitstreiter an einer revolutionären Idee: Die Gruppe gebar die erste demokratische Verfassung. Im Merchants Coffee House!

Gerade als Jahr für Jahr mehr Bohnen nach Amerika importiert wurden und der Bier-, Tee- und Cidrekonsum zurückging, kam es zum Aufstand gegen die britischen Kolonialherren. Im Jahre 1773 verkleideten sich 90 Amerikaner als Indianer und warfen im Hafen von Boston hunderte Säcke mit Tee von dem britischen Handelsschiff Dartmouth ins Meer. Die Boston Teaparty stand am Beginn des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Amerikaner verfassten die Declaration of Independence und verdammten das Teetrinken als unpatriotisch. Kaffee wurde zum Nationalgetränk. Seither sind die USA der größte Kaffeekonsument der Welt. War es der Beginn des amerikanischen Wirtschaftswunders?

 

Warum wiegelt Kaffee auf?

Dienstag, 28. März 2006

Die Zivilisation des europäischen Altertums und des europäischen Mittelalters kannte nur Betäubungsmittel wie Wein, Bier und Most. Es gab keine Ernüchterer. Noch kurz vor der Französischen Revolution begann der Tag der Bürger mit Bier. Und endete damit: Den Frühtrunk bildete Suppenbier, zu Mittag gab es Fisch und Wurst in Bier gekocht und abends warmes Eierbier, Rosinenbier oder Zuckerbier. Man traute der Reinheit des Biers mehr als dem oft verseuchten Trinkwasser. Alkohol vermehrte vor allem das Phlegma und half über die Frustrationen der Monarchie hinweg. Über Nacht jedoch verwandelten sich Weinschenken zu Kaffeetavernen. Die Stätten der Vernebelung wurden plötzlich zu Orten des Nachdenkens, Diskutierens und Fragenstellens.

In Paris wuchs die Zahl der Kaffeehäuser rapide, um 1780 waren es bereits über 800. Die Aufwiegler trafen sich nun – statt bei verklärendem Bier - beim aufputschenden Kaffee. Niemals zuvor spielte sich die Weltgeschichte so sehr im Kaffeehaus ab: Es wurde gestritten, konferiert und ausgeheckt, dem Sturm auf die Bastille ging unmittelbar eine Rede von Camille Desmoulins von einem Tisch des Café de Foy voraus. Kaffee war der Auslöser zur kollektiven Ernüchterung, und der Beginn der Aufklärung wurde durch einen Geruch geprägt: durch den Duft des Kaffees.

Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg, Französische Revolution oder Aufbegehren gegen Metternich – immer boomten kurz zuvor Kaffee und Kaffeehaus. Ein Zufall?

 

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